Gottesdienst Heiligabend 2008

zu Lukas 2, 1-14

Liebe Festgemeinde,
Im Bericht der Hubschraubermannschaft, die über dem weiten Katastro­phengebiet gekreist und pausenlos Versorgungsgüter abgeworfen hatte, hieß es: »Eine Landung durften wir einfach nicht wagen. Die fast verhun­gerten und von Elend gezeichneten Menschen hätten unsere Vögel ge­stürmt und uns samt unserer Maschinen zerrissen.«
Ein sehr vernünftiger Entschluss. Nur so konnten die Hilfssendungen rationell verteilt und die größte Not beseitigt werden.
Hätte die Hubschraubermannschaft anders gehandelt – wäre sie gelandet - wer weiß, vielleicht hätte sogar jemand die Idee gehabt, die Besatzungsmitglieder als Geiseln zu gebrauchen und mit ihrer Hilfe die entsendenden Staaten zu erpressen.
Nein, es war schon die vernünftigste Lösung, oben zu bleiben und hier und da die Hilfspakete einfach abzuwerfen.

Was wir heute feiern, ist die erkennbare Unvernunft Gottes.
Nichts anderes erzählt doch die Geschichte von der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Gott kam zu den Menschen. Er tat genau das, was jedem rationellen Katastropheneinsatz ins Gesicht schlägt.
Und es geschah genau das, was die Rettungsmannschaft für sich befürchtet hatte:
Die Menschen zerrissen Gott, weil sie von ihm mehr Freiheit von der römischen Steuerpolitik wollten; weil die Frommen durch ihn mehr reli­giöse Befriedigung wollten, weil die Masse der Menschen mehr Wunder für ihre Sensationsgierig haben wollte.
Wie konnte Gott nur so unvernünftig sein, mitten unter den hungernden und von Elend gezeichneten Menschen zu »landen«.
Der Mensch gewordene Gott wurde zerrissen.
Dafür steht die andere Erzählung, in der Menschen in der Hauptstadt Jerusalem Jesus zujubelten: Hosianna, und später kreischen: Kreuziget ihn.
Sie sind enttäuscht, er hat nicht das gebracht, was sie wünschten und erhofften.
Dann lieber gar keinen als diesen Gott, dann lieber den fernen als den nahen.
Das Problem von damals zieht sich durch die Geschichte des Mensch gewordenen Gottes bis heute hin.
Seit seiner Landung wird er von Millionen und Milliarden von Menschen angegangen: Du hast uns deinen Sohn gegeben, wir können dir nicht gleichgültig sein!
Nimm dich unserer Katastrophen an: Nun gib uns, was wir brauchen.
Für die Enttäuschung und oftmals auch Verzweiflung steht das „Warum“
Warum hast du das geschehen lassen und bist nicht da gewesen – als Schutzengel, als geglaubter naher Gott.
Warum: Es ist so schwer auszuhalten, dass er, der Gekreuzigte, der den Tod ein für alle Mal besiegte und der auferstand aus dem Reich des Todes – dass er dem Tod mit Leid und Vergänglichkeitserfahrung, mit Altern und Krankheit soviel Spielraum lässt.
Warum das Dunkel im Leben, wo es doch sonst hell sein könnte
Das Göttliche in Menschlichen bleibt anstößig, es schafft Widersprüche. Mehr, als gäbe es Gott nicht.
Gott – aus seiner Allmacht wurde eine Krippe, aus seiner ewigen Herrlichkeit ein Kreuz.
ein Krippen-Gott und zugleich ein gekreuzigter Gott. Er wird zerrissen, weil er den Menschen so nahe kommt.

Da mag es uns selbst merkwürdig und irre erscheinen, wie groß dieses Fest seiner Menschwerdung gefeiert wird.
Nein, so wenig Gottes Nähe eine Lösung der Krisen und Katastrophen des Lebens ist – so wenig kann dieses Fest als eine Antwort auf das Landen Gottes in unsere Welt verstanden werden.
Das Weihnachtsfest ist keine Antwort – es ist eben kein Hosianna-Singen der jubelnden Christen-Massen.
Das Feiern seiner Geburt ist Teil der Begegnung mit dem gelandeten Gott und seinem unvernünftigen Handeln. .
Deshalb richtet auch Lukas den Blick stärker auf die Hirten als auf die Engel.
Dadurch bereitet er den Weg zur Begegnung mit Gott.
Hirte wurde man da­mals, wenn es zu einem »ordentlichen« Beruf nicht reichte oder gewisse Umstände nahelegten, für einige Zeit aus der Gesellschaft zu verschwin­den. Für die Hirten gehört die Nacht nicht nur zur Arbeitszeit, sondern zur Situation. Sie sind Menschen im Dunkeln, auch wenn die Sonne scheint.
Die »Klarheit des Herrn« leuchtete über sie.
Der Mensch gewordene Gott sucht die Begegnung offenbar weniger mit den Menschen, die im Rampenlicht stehen. Weil die vielleicht zu abgeklärt und zu sicher sind, um sich fürchten zu können. Und darum vielleicht auch zu ausgebrannt, um sich zu freuen. Menschen, die das Dunkle erfahren, sind sensibel für das Helle.

Die Lukas-Erzählung legt es nahe, zu glauben, dass es zum Willen des nahen Gottes gehört, dass das Dunkel da ist und Menschen im Dunkeln wissen, dass Gott auf die Begegnung mit ihnen aus ist.
Gott erreicht damit, dass wir immer wieder wie die Hirten, in Bewegung gebracht werden.
Dass wir zwischen Furcht und Freude, zwischen Vertrauen und Angst suchen, der Oberflächlichkeit zu entkommen und nach dem zu suchen, was zählt.
Gerade durch das Dunkel im Leben werden wir dazu gebracht, dass wir uns auf den Weg machen, um »die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist«.

Das ist ein Bewegung, die inmitten der Dunkelheiten, der Krisen und Katastrophen Hoffnung enthält, die Rettung bringt, die Frieden schafft und eine Freude, die etwas von Ewigkeit in sich trägt – unabhängig von gegenwärtigen Umständen.
Wir gewinnen Unvergängliches, was uns leben lässt.
Allerdings: Das Zeichen, das die Engel den Hirten an die Hand geben, ist kein eindeutiges Zeichen: Krippe und Windeln – das gibt es allüberall.
Damals wie heute gilt es, sich zu entscheiden, in wel­cher Gestalt einem Gott begegnet.
Beweise gibt es nicht. Irrtum ist eingeschlossen.
Der gelandete Gott ist Mensch geworden.
Irren ist Menschlich.
Das kann es auch im Glauben sein.
Hier stehen wir Christen mit unserem Weihnachtsfest plötzlich im Dialog mit den Weltreligionen.

Sie alle suchen ihren Zugang zu dem einen Gott
Und sie bieten ihre Religion an als ihren eigenen Weg.
Den anderen muss es merkwürdig vorkommen, dass unser Weg zu Gott über Kreuz und Krippe geht.
Wo sich doch der eine Gott gerade durch seine Göttlichkeit vom Menschsein abhebt.
Und wir müssen den anderen eingestehen: In unserer Religion gibt es noch weniger Beweise als in anderen für diesen nahen Gott. In aller Bescheidenheit müssen wir bekennen:
Unser Glaube ist nicht die eine Wahrheit, wie es manchmal scheint.
das Risiko des Irr­tums bleibt stets eingeschlossen.
Glaube ohne Risiko gibt es nicht - Jedenfalls nicht unseren christlichen Glauben
So wenig wie Liebe ohne Vertrauen.
Wenn Weihnachten unter uns Christen so groß gefeiert wird – dann eben nicht als Demonstration der Wahrheit – sondern als großes Lichterzeichen: Wir wissen uns darauf angewiesen, dass Gott uns begegnet. Dass er aus uns „Menschen seines Wohlgefallens“ macht.
Liebe Festgemeinde,
Weil das Weihnachtsfest in diesem Kontext zu stehen kommt – deshalb gilt es umso mehr, dass wir uns bewegen lassen und dass wir unseren Glauben zu leben wagen.
Das mag in der vor uns liegenden Zeit mit der Aussicht auf eine neue Dimension von Krisenerfahrung von umso größerer Bedeutung sein.
Die Dunkelheiten nehmen zu – es gilt umso mehr, nicht auf die Dunkelheit zu schimpfen, nicht mitzuschwimmen im großen Meer des Egoismus – aber auch nicht zu verzagen.

Im Glauben an den nahen Gott Vertrauen wagen,
indem wir zu erkennen geben:
Das unvernünftige Unternehmen Gottes geht weiter.
Die Bewegung, die seine Landung auslöste, hält bis heute an.
Wir nehmen sie in uns auf und geben sie weiter,
indem wir leben: Hoffnung und Vertrauen sind stärker als Ängste und Resignation,
Wir nehmen die Bewegung auf, die seine Landung auslöste,
Indem wir danach handeln: Solidarität ist wirksamer als die einzelne Spende.
Wir nehmen die Bewegung auf, die Gottes Landung auslöste,
indem wir gemeinsam und deutlich zeigen: Frieden und Gerechtigkeit sind uns wichtiger als Öl und Geld.

Deshalb feiern wir Weihnachten, weil wir in dieser Bewegung ein großes Lichterzeichen für unsere Zukunft erfahren und es für andere setzen wollen: Gott ist gelandet. Wir sind auf dem Weg, zu sehen die Geschichte, die uns der Herr kundgetan hat. Amen

Pastor Heino Hüncken