Gottesdienst Neujahr 2005

zu Joh. 14, 1-6

Liebe Gemeinde,
nun mussten wir ein altes Jahr bereits zum zweiten Mal mit einer ungeheuren Naturkatastrophe abschließen. Letztes Jahre am 2. Weihnachtstag das furchtbare Erdbeben in Bam im Iran .Jetzt dieses Seebeben in Südostasien.
Vom Ausmaß her das Schrecklichste, das ich persönlich neben dem Gau im Tschernobylreaktor 1986 erlebt habe.
Die Höhe der Spenden lässt vermuten, dass viele Menschen genauso wie wir als Kirchengemeinde sofort versucht haben zu helfen.
Die Katastrophe lässt uns ein Stück nachdenklicher in das Neue Jahr gehen. Mit dieser Nachdenklichkeit brechen wir heute auf in das neue Jahr wie zu einer Reise in ein unbekanntes, fernes Land.
Die Naturkatastrophe wie auch verschiedene Lebenserfahrungen verbinden die Nachdenklichkeit vielleicht mit einem Anflug von Furcht beim Reiseantritt heute.
Und manch ein Schatten der Gegenwart – wie Krankheit, Leiden lieber Freunde, Arbeitslosigkeit in der Familie verstärkt die bange Frage: Was wird wohl werden?
Mit dieser Zukunftsfrage sind wir bei dem heutigen Predigttext gut aufgehoben.

Jesus sagt: Euer Herz erschrecke nicht.......
Jesus geht den Seinen voran. Sie dürfen ihm folgen.
Das ist für den Weg in ein unbekanntes Land eine gute Voraussetzung.
In Verbindung mit Jesus dürfen wir uns darauf verlassen: Was auch kommt: In unserem Vertrauen zu ihm wird uns das gute Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit begleiten.
Darin steckt soviel Trost, dass dieser Text auch zu den Texten für Beerdigungen gehört.
Ob dieser Trost den Opfern der Katastrophe hilft?
Wir sehen die verzweifelten Menschen, die nach ihren Kindern, Müttern oder Vätern suchen. Sie werden sie nicht finden.
Welche Verletzung bleibt in der Seele.
Ich denke mir: In der gegenwärtigen Verzweiflung ist Hilfe viel wichtiger als Trost.
Aber vielleicht später, bei all den Fragen, die kommen, die bleiben, die von nun an das Leben der Hinterbliebenen insgesamt nachdenklicher machen.
Ja, da mag es schon ein Trost sein zu wissen: Die Vorausgegangenen sind zuhause.
Hinterbliebene finde Halt in diesem Wort Jesu.

Diesem Wunsch nach etwas zum Festhalten entspricht die Reaktion des Jüngers Thomas.
Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst – und woher sollen wir den Weg kennen?
Mit seiner Antwort weist Jesus zurück auf seine Person.
Ich bin der Weg, die Wahrheit, das Leben.
Was er als Hoffnung und Ermutigung anbietet ist eben nicht ein fixe Idee oder eine Perspektive aus dem Bereich der Spekulation.
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Jesu Antwort bringt die Zukunft in einen engen Zusammenhang mit ihm:
Wer seine Fragen, seine Ängste, seine Zukunftswünsche und Hoffnungen mit Jesu Worten verbindet, der darf auf besondere Reise-erfahrungen hoffen: Jesus selbst ist der Reisebegleiter.
Er bittet, ihm in das unbekannte Land zu folgen und ihm dabei zu vertrauen.

Jesus sagt: Er selbst – der Weg:
In der Nähe Jesu wird sich unser Leben im neuen Jahr verändern.
Manches von diesen Veränderungen haben wir selbst in der Hand.
Und es gibt vermutlich für uns alle verschiedene Möglichkeiten, diese Entwicklung selber zu steuern.
Das neue Jahr - Eine Wegstrecke mit neuen Chancen.
Wir dürfen uns darauf freuen.
Mir selbst scheint eine Aufgabe besonders wichtig.
Wir haben sie im Abendmahlsgottesdienst am Gründonnerstag entfaltet und reflektiert:
Wir wollen lernen, abschiedlich zu leben.
Wir wollen lernen, zu bejahen, dass Abschiede zum Lebensweg dazu gehören.
mit Abschieden leben lernen.
Die kleinen wie die großen Abschiede gestalten - so dass es uns selbst und anderen gut tut, Abschied zu nehmen: Zum Beispiel dann, wenn ein Mensch uns durch den Tod genommen wird, wenn wir den Verlust unserer Gesundheit beklagen müssen, wenn wir Aufgaben aufgeben, weil wir die Kräfte nicht mehr haben.
Zum abschiedlichen Leben in Jesu Spur gehört auch das bewusste Mitgefühl mit den Opfern der Katastrophe.
Jesus als unser Reisebegleiter führt uns immer auch zu den Menschen, die Opfer sind.
Stellvertretend für die Opfer jeder Katastrophe hat er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt.
Jesus macht uns zu den Nächsten von Opfern, die am Wegesrand liegen.
Durch uns wird es für sie menschlicher, durch uns wird ihnen geholfen - auch wenn die globale Hilfe über Spenden und unter anderem über den Einsatz des Diakonischen Werkes geht.
Jesus der Weg.
Jesus selbst die Wahrheit:
Die Wahrheit auf dem Weg durch das neue Jahr?
Wir müssen wohl verstehen lernen, dass ein Jahr immer eine überschaubare Wegstrecke unseres Weges zum Älterwerden ist.
Altsein kann für uns selbst und für andere anstrengend, ja zermürbend sein, wenn wir es nicht lernen, die Wahrheit anzunehmen:
Vor allem die Wahrheit, uns selbst mit unserem bisherigen Lebensweg zu akzeptieren – auch mit dem, was spürbar weniger geworden ist.
In Bremen werden die Bremer des Jahres gesucht und in der Zeitung vorgestellt.
Wie viele Ältere tauchen da auf, die sich ehrenamtliche engagieren.
Ich denke, das steht uns Christen gut an und schafft die Möglichkeit zum sinnvollen Leben, wenn wir dieses ehrenamtliche Engagement mit einbeziehen.
Ich bin die Wahrheit – sagt Jesus – er schafft den Freiraum, wahrhaftig sein zu dürfen, zu mögen.
Ein Jahr ist die Wegstrecke, auf der wir uns diese Wahrhaftigkeit aneignen, zueigen machen können.

Und schließlich:
Jesus selbst das Leben :
Das Vertrauen zu Jesus schafft Leben – Lebendigkeit, Gesundheit als Grundlage des Lebens.
Für das neue Jahr wünsche ich mir für uns Christen, dass wir etwas gegen die um sich greifende Volkskrankheit tun. Gegen die Volkskrankheit Geiz.
Wir mögen uns besinnen, was wir an nicht-materiellen Reichtümern besitzen.
Die Nachfolger Jesu mögen sich dadurch von anderen unterscheiden, dass sie großherzig bleiben in ihren Gedanken an Not leidende, hilfsbedürftige Menschen,.
Nachfolger Jesu mögen gesund sein durch ihre Bereitschaft, die Nächstenliebe ganz oben auf uns Reisegepäck zu legen.

Wir begeben uns auf die Reise. Wir starten.
Die Nachdenklichkeit ist mit dabei. Das ist gut so.
Aber vor allem, der verlässliche gute Reiseleiter ist dabei.
Wir dürfen ihm vertrauen.
Dem Weg, der Wahrheit und dem Leben.
So wird die Wegstrecke sein Jahr sein: ein Jahr des Herrn.
Anno Domini.

Pastor Heino Hüncken